Viel diskutiert: die Eltern-Kind-Bindung

Zwei Entwicklungsexpertinnen im Interview
Schadet es der Eltern-Kind-Bindung, wenn Babys und Kleinkinder tagsüber woanders betreut werden? Katholisch.de sprach darüber mit der Entwicklungspsychologin Birgit Elsner und der Erziehungsberaterin Birgit Martens.Katholisch.de: Gegner der Krippenbetreuung beziehen sich in ihren Argumenten immer wieder auf die Bindungsforschung. Haben sie Recht?
Elsner: In den Diskussionen werden die klassischen, mittlerweile etwa 40 Jahre alten Forschungsergebnisse des Psychoanalytikers John Bowlby herangezogen. Er entwickelte die so genannte Bindungstheorie. Sie besagt, dass der Mensch von Geburt an ein biologisches Bedürfnis nach Bindung hat. Das Baby macht durch Weinen und Anklammern auf seine Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Fürsorge und Körperkontakt aufmerksam. Je feinfühliger die Mutter darauf reagiert, desto besser entwickelt sich das Kind.
Es spürt, dass es mit seinen Signalen etwas bewirken kann. Auf der Grundlage der Bindungstheorie von Bowlby entstand die moderne Bindungsforschung. Was viele Krippenkritiker nicht wissen oder nicht wahrhaben wollen, ist zwischenzeitlich wissenschaftlich erwiesen. Denn es steht fest, dass die Mutter-Kind-Bindung noch bis vor kurzem zu hoch eingeschätzt wurde. Neue Forschungen zeigen, dass Babys durchaus in der Lage sind, sich an zwei oder drei erwachsene Bezugspersonen zu binden, wenn diese sich um das Kleine kümmern. Es profitiert dann von der Feinfühligkeit jedes Einzelnen.
Katholisch.de: Hat es das nicht schon immer gegeben, zum Beispiel in den früheren Großfamilien?
Elsner: Natürlich. In Großfamilien oder dörflichen Gemeinschaften kümmerten sich alle Erwachsenen und auch die älteren Geschwister um das Baby. Es war immer jemand da, der es auf den Arm nahm, es fütterte, mit ihm Hoppe-Reiter spielte oder es in den Schlaf wiegte. Auf die Bedürfnisse junger Eltern heute übertragen heißt das: Es schadet den Kleinen nicht, wenn sie tagsüber von einer weiteren festen Bezugsperson betreut werden.
Über die Expertinnen
Prof. Dr. Birgit Elsner ist Entwicklungspsychologin und Säuglingsforscherin an der Universität Potsdam. Birgit Martens ist Diplom-Heilpädagogin bei der Katholischen Lebens- beratungsstelle in Trier.
Martens: Viele junge Mütter sind heute zunehmend isoliert. Wegen berufsbedingter Umzüge mangelt es oft an sozialen Kontakten. Großeltern, Verwandte und Freunde, die das Baby mal kurzfristig betreuen könnten, wohnen zu weit entfernt. Doch gerade in den ersten Monaten mit dem Baby brauchen Familien Unterstützung. Immer mehr Mütter sind übermüdet und fühlen sich überfordert, weil ihr Baby viel schreit und sie es nicht beruhigen können.
In unserer Beratung für Eltern mit Schreibabys stelle ich zunehmend fest, dass zwischen dem übermäßigen Schreien des Babys und der Unsicherheit der Mutter ein enger Zusammenhang besteht. Mütter sind enttäuscht, wenn sie ihr Kleines nicht beruhigen können. Hinzu kommt der ständige Schlafmangel, unter dem sie in der ersten Zeit leiden. Kein Wunder, wenn sie oft völlig ausgebrannt sind.
Katholisch.de: Was empfehlen Sie?
Martens: Eltern von Schreibabys brauchen dringend Unterstützung, um selber zwischendurch auftanken zu können. Wichtig ist, es erst gar nicht bis zur totalen Erschöpfung kommen zu lassen. Immer mehr Familienberatungsstellen bieten Beratung für Eltern mit Schreibabys an. Hier erfahren Mütter und Väter, dass hinter übermäßigem Schreien in den meisten Fällen Anpassungsschwierigkeiten des Babys stecken.
Katholisch.de: Worauf sollten Eltern achten, wenn sie ihr Kind in der Kinderkrippe betreuen lassen möchten?
Elsner: Babys und Kleinkinder sollten in der Kinderkrippe ein oder zwei feste Bezugspersonen haben, die nicht wechseln. Je weniger Kleine in einer Kita-Gruppe betreut werden, desto besser. Der maximale Betreuungsschlüssel sollte bei 4:1 liegen. Aber davon sind wir in Deutschland leider oft noch weit entfernt. Eltern sollten auch darauf achten, dass die Krippenbetreuerin eine besondere Qualifikation im frühkindlichen Bereich besitzt – sowohl von der Aus- als auch von der Fortbildung her.
Dies gilt natürlich auch für die Tagesmutter. Es muss keine Erzieherin oder ausgebildete Kinderpflegerin sein. Aber sie sollte Qualifikationen, etwa von einer Familienbildungsstätte, vorweisen können. Notwendig ist auch, dass die Tagesmutter selbst in einem intakten sozialen Umfeld lebt und das Kind in einer kindgerechten Umgebung betreut.
Martens: Ja, denn ab dem sechsten Lebensmonat wächst das Interesse der Kleinen an Interaktion mit anderen Kindern. Sie lernen voneinander und miteinander. Ein Beispiel: Die Kleinen sitzen gemeinsam am Tisch. Das eine Kind beobachtet, wie das andere den Löffel vom Breiteller in den Mund schiebt. Sein Drang zum Nachahmen ist groß, und schon bald hat es gelernt, selbständig zu essen. Wenn es in der Familie keine weiteren Kinder gibt, ist die Krippe eine gute Gelegenheit, soziales Miteinander einzuüben. Hinzu kommt: Vor allem ängstliche Mütter schränken ihr Kleines oft in seinem Bewegungsdrang ein. Da kann das Herumtollen mit anderen Kindern nur förderlich sein.
Katholisch.de: Was können Eltern tun, damit sich ihr Kind in der Krippe wohl fühlt?
Martens: Ob ein Kind sich in der Krippe wohl fühlt, hängt vor allem von der Einstellung der Eltern ab. Wenn die Mutter aus finanziellen Gründen arbeiten muss, aber ihr Kind viel lieber zu Hause betreuen würde, wirkt sich ihre negative Einstellung aufs Kind aus. Dies gilt auch umgekehrt: Bleibt eine Mutter nur mit halbem Herzen zu Hause, weil sie viel lieber wieder in ihrem Beruf tätig wäre, wirkt sich ihre Unzufriedenheit aufs Kind aus. Wichtig ist also, dass Eltern voll und ganz hinter ihrer Entscheidung stehen und dass sie ihrem Kind, wenn es eine Kita besuchen soll, einfühlend auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten.
Katholisch.de: Wie sieht die ideale Eingewöhnung in der Kinderkrippe aus?
Martens: Gut bewährt hat sich das Berliner Modell. Ein Elternteil begleitet dabei das Kind über mehrere Tage hinweg, damit es sich allmählich an die neue Bezugsperson gewöhnen kann. Mütter oder Väter sollten sich auf jeden Fall zwei Monate Zeit lassen, bevor sie wieder in den Beruf zurückkehren. Denn es kann während der Eingewöhnung immer mal zu Verzögerungen kommen, etwa wenn das Kind zahnt oder krank wird.
In der Eingewöhnungszeit nach dem Berliner Modell werden Eltern von den Erzieherinnen unterstützt. Mutter oder Vater bleiben in der ersten Zeit ein bis zwei Stunden im Gruppenraum. Sie verhalten sich aber passiv und stellen sich dann zur Verfügung, wenn ihr Kind Trost braucht. In der zweiten Phase bleiben Mutter oder Vater zwar in der Kinderkrippe, aber halten sich in einem anderen Raum auf. Und in der dritten und letzten Eingewöhnungsphase sind sie lediglich in Rufbereitschaft, also kurzfristig übers Telefon zu erreichen. Mit diesem Modell haben Kindertageseinrichtungen bundesweit gute Erfahrungen gemacht.
Das Interview führte Lena Kaufmann
