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"Väterzeit darf kein Problem sein"

Kardinal Sterzinsky, Erzbischof von Berlin
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Vorsitzender der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz: Kardinal Georg Sterzinsky.

Sterzinsky fordert von Arbeitgebern mehr Rücksicht auf Väter

Seit der Einführung des Elterngeldes nehmen immer mehr Väter eine Auszeit vom Job und beteiligen sich aktiv an der Kindererziehung. Eine Entwicklung, die die Kirche sehr begrüßt, wie Kardinal Georg Sterzinsky, im katholisch.de-Interview betont. Der Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz appelliert an die Arbeitswelt, junge Väter in ihrem Familienengagement zu unterstützen.

katholisch.de: Herr Kardinal, wie und in welchem Umfang sollten Väter die Kindererziehung übernehmen?

Kardinal Sterzinsky: Die Sorge für die Kinder und deren Erziehung ist Vater und Mutter gemeinsam anvertraut. Es ist wichtig für die Entwicklung der Kinder und der ganzen Familie, dass auch der Vater seine Verantwortung deutlich wahrnimmt. Das bestätigen nicht nur die Fachleute für Entwicklungspsychologie, das entspricht auch der allgemeinen Erfahrung und den Vorstellungen der meisten heutigen Väter.

Wie die genaue Aufteilung der Aufgaben und die Rollenverteilung aussehen können, hängt sicher sehr stark von der individuellen Situation der Familie ab. Es gibt in der Sorge für Kinder und deren Erziehung aber auch stärker weiblich-mütterliche und stärker männlich-väterliche Aspekte. In welcher Weise diese verschiedenen Aspekte von Elternschaft wahrgenommen werden, das wird in jeder Familie etwas anders aussehen. Andererseits darf bei aller Rollenflexibilität nicht vergessen werden, dass es die Mütter sind, die die Kinder gebären und die deshalb vor allem in der ersten Lebenszeit des Kindes eine besondere Bedeutung haben. So sollten Mütter etwa, wenn es ihnen möglich ist und sie es möchten, geeignete Rahmenbedingungen für eine gute Stillzeit haben.

katholisch.de: Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben die meisten berufstätige Mütter vor Augen. Wie wichtig ist diese Vereinbarkeit für Väter?

"Die Vorgesetzten, Chefs, Arbeitgeber und nicht zuletzt auch Kollegen müssen lernen, Rücksicht zu nehmen statt die Väter schief anzuschauen." Kardinal Sterzinsky

Sterzinsky: Das ist in der Tat ein sehr wichtiges Thema für die Berufswelt. Auch Väter brauchen – insbesondere wenn die Kinder noch klein sind – das Entgegenkommen der Arbeitswelt. Wenn Kinder krank sind, wenn Termine in der Kindertagesstätte, in der Schule oder beim Arzt anstehen, dann ist das nicht allein Sache der Mütter. Viele Väter sind sich dessen heute bewusst. Aber auch die Vorgesetzten, Chefs, Arbeitgeber und nicht zuletzt auch Kollegen müssen lernen, hier Rücksicht zu nehmen statt die Väter schief anzuschauen. Solche Rücksicht führt mittelfristig auch nicht zu schlechteren, sondern zu besseren Leistungen, weil sie als Anerkennung verstanden werden und deshalb viel Arbeitszufriedenheit und Motivation auslösen kann. Zu solcher Familien- und Väterfreundlichkeit kann man deshalb nur nachdrücklich ermuntern.

katholisch.de: Welche Anreize kann die Kirche als Arbeitgeber schaffen, damit Väter ohne schlechtes Gewissen in Elternzeit gehen können?

Sterzinsky: Im kirchlichen Bereich gilt das oben gesagte selbstverständlich in gleicher Weise. Dass Väter Elternzeit wahrnehmen, darf für kirchliche Arbeitgeber kein Problem darstellen. Gerade die individuelle Reaktion von Vorgesetzten und Anstellungsträgern ist hier von entscheidender Bedeutung. Wenn es gelingt, den Eltern zu signalisieren: An erster Stelle steht für uns die gemeinsame Freude über die Kinder, dann ist das sicher der beste Anreiz für die Eltern, ohne schlechtes Gewissen und ungutes Gefühl in Elternzeit zu gehen.

katholisch.de: In Freising gibt es eine Initiative „Väterzeit“, die von der Arbeitsstelle Ehe- und Familienpastoral im Landkreis unterstützt wird. Wie bewerten Sie solche Projekte?

"Bei der Diskussion über Kinder- freibeträge und des Kindergeldes kann man noch nicht einmal von 'Anreizen' sprechen. Diese Erhöhungen sind deutlich zu niedrig ausgefallen." Kardinal Sterzinsky

Sterzinsky: Das von Ihnen genannte Projekt kenne ich nur sehr allgemein, ohne Näheres darüber sagen zu können. Bundesweit gibt es eine Vielzahl von Projekten und Angeboten der Familienbildung und der Familienpastoral, die sich auch und besonders an Väter richten. Im Sinne des zuvor Gesagten, ist es natürlich gut und hilfreich, Vätern Angebote zur Orientierung in ihrer Väterrolle und zur Reflexion ihres Vaterseins zu machen. Das muss sich nicht auf die Väter beschränken, die in Elternzeit gehen wollen. Bei aller Würdigung ist die vom Vater wahrgenommene Elternzeit nicht die einzige Möglichkeit, Vaterschaft verantwortungsvoll wahrzunehmen. Alle Väter und alle Mütter verdienen es, Unterstützung, Förderung und Orientierung angeboten zu bekommen.

katholisch.de: Sollte der Staat noch mehr finanzielle Anreize oder sonstige Erleichterungen insbesondere für Väter schaffen?

Kardinal Sterzinsky: Dass Familien neben anderen förderlichen Rahmenbedingungen auch zusätzliche finanzielle Entlastungen benötigen, ist zuletzt bei der Diskussion um die deutlich zu niedrig ausgefallene Erhöhung der Kinderfreibeträge und des Kindergeldes zutage getreten. Hier kann man noch nicht einmal von „Anreizen“ sprechen, geht es doch zunächst um einen Abbau von zusätzlichen Belastungen und „strukturellen Rücksichtslosigkeiten“ (F.X. Kaufmann), denen die Familien ausgesetzt sind. Auf  diesem Gebiet ist also noch sehr vieles zu tun.

Wenn wir jedoch den Familien wirklich die Freiheit ermöglichen wollen, die Übernahme der verschiedenen Aspekte von Elternschaft je nach ihrer individuellen Familiensituation zu akzentuieren, dann sollten wir uns auch mit väter- und mütterspezifischen finanziellen „Anreizen“ eher zurückhalten. Für die Förderung des väterlichen Engagements in der Familie würde ich der allgemeinen gesellschaftlichen Anerkennung eine größere Anreizwirkung zusprechen als einem zusätzlichen finanziellen Vorteil.

Das Interview führte Janina Mogendorf (katholisch.de)

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