Die Kirche und der Krieg

Der Afghanistan-Einsatz ist auch für die Kirche ein wichtiges Thema
"Nichts ist gut in Afghanistan" - mit diesen Worten löste die evangelische Bischöfin Margot Käßmann an Neujahr eine heftige Auseinandersetzung über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr aus. Die Kritik der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) führte zu einer bis dahin nicht erlebten öffentlichen Diskussion über den Sinn und die Ziele des westlichen Engagements am Hindukusch.Käßmanns in der Dresdner Frauenkirche formuliertes Plädoyer für eine klare Exit-Strategie und einen Vorrang für zivile Formen der Konfliktbewältigung schlug geradezu orkanartige Wellen. Obwohl sie sich als Präsidentin der Zentralstelle Kriegsdienstverweigerung zuvor bereits mehrfach ähnlich geäußert hatte, musste die Bischöfin vor allem aus der Politik, aber auch aus ihrer eigenen Kirche massive Kritik und heftige persönliche Angriffe über sich ergehen lassen.
Immerhin: Mit ihren Aussagen zum Afghanistan-Einsatz schaffte es Käßmann auch, in der nachrichtenarmen Zeit des Jahreswechsels einen medialen Coup zu setzen und die kritische Position der evangelischen Kirche zum Engagement der Bundeswehr deutlich in der Öffentlichkeit zu platzieren.
Kaum katholische Stimmen
Während die EKD-Ratsvorsitzende mit ihren Aussagen für Aufregung sorgte, waren katholische Stimmen in der Diskussion um den Afghanistan-Einsatz zunächst kaum zu vernehmen. Trotz der bereits zuvor köchelnden Debatte um das von der Bundeswehr befohlene Tanklaster-Bombardement von Kundus hatte zu Weihnachten und Silvester kaum ein katholischer Bischof Stellung zum deutschen Engagement am Hindukusch bezogen.
Erst als die Diskussion um Käßmanns Äußerungen bereits in vollem Gange war, meldeten sich einige Oberhirten zu Wort - wenn auch abwägender und vorsichtiger als die Ratsvorsitzende. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck räumte ein, dass die katholische Kirche mit Handlungsanweisungen generell zurückhaltender sei als die Protestanten. Die Situation in Afghanistan sei so kompliziert, dass es keine einfachen Lösungen gebe.
Und dennoch: Weit entfernt von Käßmanns Position ist die katholische Kirche nicht. Und auch einige ihrer Vertreter haben in den vergangenen Wochen deutlich Stellung bezogen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, etwa forderte Mitte Januar in der "Frankfurter Rundschau" ebenfalls eine breite Debatte über den Afghanistan-Einsatz. "Wir haben uns allzu lange nur mit Einzelfragen befasst", bemängelte der Freiburger Oberhirte.
"Bittere Bilanz"
"Heute müssen wir eine bittere Bilanz ziehen", so Zollitsch in seinem Gastbeitrag. In weiten Teilen Afghanistans herrschten kriegsähnliche Zustände; viele Maßnahmen der internationalen Gemeinschaft seien ohne Erfolg geblieben. Zudem seien "manche gravierende Fehler gemacht worden".
Aufgabe der Kirche sei es, die ethischen Gesichtspunkte in der Diskussion um den Bundeswehr-Einsatz zum Tragen zu bringen. Die katholische Kirche sei dabei dem Konzept des "gerechten Friedens" verpflichtet, erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Zugleich mahnte er, "der Versuchung der allzu einfachen Lösungsvorschläge zu widerstehen". Die katholische Kirche vertrete in der Afghanistan-Debatte eine "ebenso realistische wie gewaltkritische Perspektive".
Der katholische Militärbischof Walter Mixa mahnte zeitgleich mehr diplomatische Bemühungen an und forderte von der Politik, sie müsse in ethisch verantwortbarer Weise die Rahmenbedingungen des Einsatzes formulieren. Zugleich bewertete der Augsburger Oberhirte die Frage, ob der internationale Einsatz in Afghanistan gerechtfertigt sei, als "zu jeder Zeit angemessen" und erinnerte an die kirchliche Lehre, wonach der Einsatz kriegerischer Mittel immer ein Übel und eine "Niederlage der Menschheit" sei.
Für Verhandlungen mit Taliban
Der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden), Stephan Ackermann, sprach sich darüber hinaus für direkte Verhandlungen mit gemäßigten Taliban aus. "Das einfache Bild von 'Islamisten gegen den Westen' halte ich für überstrapaziert", so der Bischof von Trier.
Den Angriff gegen das Taliban-Regime 2001 rechtfertigte Ackermann: "Es gibt in eng begrenzten Fällen ein 'Recht zum Krieg'. Das sehe ich in diesem Fall schon als gegeben an". Die Taliban seien nicht nur für die eigene Bevölkerung, sondern auch für andere Länder zur Bedrohung geworden. Allerdings müsse man die Gewaltanwendung "so präzise wie irgend möglich" auf den militärischen Gegner beschränken.
Ob Zollitsch, Mixa oder Ackermann: Zwar schaffte es keiner von ihnen, mit seinen Aussagen zum Afghanistan-Einsatz auch nur annährend so viel Aufmerksamkeit wie die EKD-Ratsvorsitzende zu erregen. In der Klarheit der Analyse der Situation in Afghanistan und ihren Forderungen an die internationale Gemeinschaft gibt es zwischen der evangelischen Bischöfin und ihren katholischen Amtsbrüdern aber allenfalls graduelle Unterschiede.
